Um den ganz normalen Ablauf einer Brauereibesichtigung eines bekennenden Biertrinkers aus der Sicht eines eben solchen zu schildern, werde ich jetzt versuchen, den Ablauf des gestrigen Tages zu rekonstruieren. Der fortschreitende Zyniker unter uns, also ich, wird zum Ende vielleicht feststellen wird, dass die einzig wahre Philosophie die im Geist des Weines ist…
13:00 Uhr – Feierabend, weil Kurzarbeit. Freitag und die nächsten zwei Wochen Urlaub. Ich will einen Arbeitskollegen noch eben zur Werkstatt fahren, damit er seinen Wagen abholen kann und benötige selbst geschlagene Zehn Minuten, um meinen Taunus zum Start zu bewegen. Der Kollege neben mir pumpt solidarisch und parallel zu mir ein imaginäres Gaspedal auf und ab. Kleine Kinder südländischer Immigranten sammeln sich langsam und hören sich das Geblubber an. Mir kommt der Schweiß.
Nicht aus Wut oder Verzweiflung. Ich habe ganz einfach eine zu dicke Jacke an. Wer konnte ahnen, dass der Wetterbericht tatsächlich mit dem aktuellen Wetter übereinstimmt?
Ich denke darüber nach, warum ich mich nicht aufrege und bin auch ganz froh darüber, dass es mir egal ist, dass das Blech unter mir nicht sofort an springt. Sonderlich eilig habe ich es nicht. Ich bin älter, ruhiger und besinnlicher geworden.
13:10 Uhr – ich baue mir aus einer leeren Bierflasche, Benzin und meinem zerrissenen T-Shirt einen Molotow Cocktail und werfe ihn auf die Dreckschleuder, die mir zehn Minuten meiner Zeit gestohlen hat, verscheuche alle rum stehenden Blagen und hole mir in der Dönerbude ´ne Flasche Raki, um wieder runter zu kommen… ;-)
13:10 Uhr – Nein, ernsthaft – der Wagen springt an und ich fahre meinen Fahrgast zur Werkstatt, dann schnell nach hause und duschen, irgendwas anziehen (wobei die Betonung auf „irgendwas“ liegt. Bei einer Brauereibesichtigung isses eh scheißegal, worauf sich der Sud zu fortgeschrittener Stunde verteilt) und schon geht’s weiter: Decke und Schlafsack eingepackt, da ich nicht zuhause pennen werde und los zum Kumpel, bei dem noch etwas gegessen und schon mal vorgeglüht wird. Aus dem Autoradio dröhnt Talk Talk. Ich fühle mich gut.
15:00 Uhr – Prost. Bei der Zubereitung von je einem Kilo Nudeln und Bolognese muss erst mal ein Bier getrunken werden. Es wird über Gewürze gefachsimpelt, über den folgenden Nachmittag und Abend und das Salz macht durstig.
16:00 Uhr – voll gestopfte Bäuche fläzen sich auf der Couch. Zur besseren Verdauung einen Magenbitter. Wir haben zu viel gegessen. Die Lust auf eine Brauerei sinkt und wir denken darüber nach, nicht hin zu gehen.
16:05 Uhr – wir gehen los. Treffpunkt: eine alte Kneipe. Vorher natürlich noch Begrüßung in der Kneipe (ich kenne da nur zwei Leute, weil ich trotz Durst Kneipen, seit ich denken kann, meide). Die üblichen Sprüche, das übliche Gelächter, die übliche Lokalrunde – es gibt braunen Kümmel. Für den Magen. Natürlich.
16:30 Uhr – dem Magen geht’s ein wenig besser. Mit noch zwei Kümmel fast schon wieder hervorragend. Kümmel hinterlässt bei mir einen unangenehmen Nachgeschmack, der scheinbar nur mit Bier beseitigt werden kann.
Und bei geschätzten 0,8 Promille fängt’s an: die Murmel da oben erinnert sich plötzlich an ganz andere Momente und will sie irgendwie fest halten. Dagegen soll angeblich Kümmel ganz gut helfen.
17:15 Uhr – Versammeln vor dem Bus. Auch ohne dass ich mitfahre wäre mir nur im Vorbeilaufen sofort klar geworden, dass es sich hier um eine Kneipengang handelt, die irgendeinen Ausflug plant. Nicht nur wegen der obligatorischen Kiste Bier, die gerade als Wegzehrung in den Bus getragen wird. Den meisten sieht man es einfach an.
Ich erinnere mich plötzlich an Busreisen mit Exfreundinnen nach Paris, nach Italien, an Klassenfahrten, die mal saugeil, mal absolut bemitleidenswert waren.
Ich entschließe mich dazu, nur an die positiven Dinge zu erinnern und fühle mich in meiner Gedankenwelt wohlig gewärmt, während wir Witze über die Suffköppe machen und ich mir nebenbei die eine oder andere lustige Kneipengeschichte anhöre.
17:30 Uhr – Abfahrt. Erst mal ´n Bier. Busfahrten machen durstig. Ich weiß, dass dieser Tagesablauf in meinem Leben niemals einen geregelten Platz einnehmen wird.
18:00 Uhr – Ankunft.
18:15 Uhr – die ersten müssen auf’s Klo. Ich natürlich auch.
18:17 Uhr – scheiße, kein Bier mehr….
18:30 Uhr – die Führung beginnt mit einem Film über die Entstehungsgeschichte. Wir lachen uns kaputt und erzählen durchgehend nur Blödsinn.
18:35 Uhr – die Möglichkeit, dass wir wegen Rumalberei rausgeschmissen werden, wächst…
19:00 Uhr – Tour beendet. Ich erfahre zum ersten mal, dass ich mit einem Eintracht Frankfurt Fanclub gefahren bin. Mittlerweile kenne ich die Namen der meisten. Ich verwechsle sie zwar, aber das scheint keinen zu Interessieren.
Der Älteste unter ihnen erzählt irgendwas von Viagra, während die erste Runde Bier serviert wird.
19:02 Uhr – die zweite Runde Bier folgt stehenden Fußes…
20:50 Uhr – nach unzähligen Bier, Brezeln und Würstchen wird der Heimweg angetreten. Ich freue mich schon darauf, mich beim Kollegen auf die Couch zu setzen, noch einen Absacker zu nehmen und dann zu pennen.
Das wäre natürlich zu einfach gewesen…
Kurz noch am Souvenirshop vorbei und `ne Tüte Quatsch gekauft und los geht’s.
21:00 Uhr – Heimfahrt. Erst mal ´n Bier. Die Opas fangen an zu singen. Ich bekomme Schluckauf. Einer muss pinkeln. Selbst die Frauen singen mit. Man, war das in Afrika geil. Ich sollte unbedingt wieder Musik machen. Jetzt nach hause? Ach was, zweite Halbzeit gucken! Ja sicher, ich bin dabei. Ich hab genug Geld mit. So jung kommen wir nie mehr zusammen…
21:30 Uhr – Ankunft. Die Toiletten sind überfüllt, ich finde mich aus der Not heraus im Damenklo wieder. Das scheint hier wirklich keinen zu interessieren. Nur der Opa, der gerade rein kommt weist mich darauf hin, dass es sich hier um eine Damentoilette handelt.
Ich spare mir die Mühe einer weiteren Aussage und gehe zielstrebig in den Raucherraum, um die zweite Halbzeit mit an zu sehen.
2:00 Uhr – ich weiß ALLES!
Über Schule, Krieg, früher, blaue Pillen, Schnaps, Wetzlarer Kulturgut, Fußpilz, die eine Alte und den, der früher der beste Fußballer hier war. Obwohl sie ja auch saugut waren.
Invaliden erzählen eben gerne vom Krieg.
Trotz 2 Promille kann ich noch relativ klar denken. Glaube ich jedenfalls.
Ich weiß, wie die junge Bedienung heißt, wer alles heute arbeiten muss und wer wen nicht leiden kann.
Wir treten den Heimweg an. Für 5 Minuten Fußweg benötigen wir eine halbe Stunde. Gut, dass ich mein Handy dabei habe. Ich kann ein Beweisfoto schießen, ohne umzufallen. In der Hand eine riesige Tüte mit irgendwas drin. Zigarette drehen geht sogar noch.

Wo is der Kumpel hin?
Ah, hinterm Zaun.
Wo isser denn jetzt wieder?
Ah, auf der anderen Seite hinter der Mauer…
Ich bekomme Muskelschmerzen, während ich ihn halte und die Strasse entlang bugsiere.
8:30 Uhr – ich werde wach. Neben mir liegt eine Tüte mit Gläsern der Brauerei, ein Geschenk. Ich kann mich noch daran erinnern. Neben meinem Handy liegt ein durchgebrochener Bierdeckel mit einem Namen und einer Telefonnummer. Die Bedienung.
Auch daran kann ich mich noch erinnern. Ich werde, jetzt, wo ich dem Transfermarkt wieder frei zur Verfügung stehe, nicht anrufen, weil ich keinen Bock mehr habe.
Aber das geilste ist eine Plastikpackung in der Tüte: eine riesige, aufblasbare Plastikflasche, die ich unbedingt haben wollte.
Wir haben zwei gekauft: die eine stellt ein Arbeitskollege unserem Chef Montag auf den Schreibtisch.
Die andere, die ich unbedingt haben wollte, liegt jetzt bei mir im Schrank…
Alles in allem bin ich um einige Euros ärmer und freue mich schon wieder auf die Tage, an denen man in irgendwelchen Gärten grillt, anstatt sich immer und immer wieder das gleiche Gesabbel anzuhören. Es ist nämlich egal, in welche Kneipen an welchen Ort man geht: es wird überall das Gleiche erzählt.
Eine Tatsache, die seinesgleichen sucht.
Da sitze ich doch lieber zuhause oder bei Freunden, höre Musik und erzähle von meinen Geschichten, oder höre ihnen bei ihren Storys zu. Letztens fiel mir ein fantastischer Moment ein, an den ich noch nie gedacht habe: ich war mal mit einer Exfreundin und ihrer damaligen besten Freundin auf der Ruhr rudern. Die Sonne schien, es war ein richtig schöner Sommertag, die Mädels saßen nur in ihren Bikinis da, ich war der Hahn im Korb, ließ mich aus dem Boot fallen und schwamm ein paar Meter, während die Sonne die Wassertropfen auf ihrer Haut trocknete. Das war perfekt.
Oder die Tage mit den Jungs von der alten Band am Baggersee in Holland. Wir hatten Gitarren dabei und haben gelost, wer fahren musste, damit die anderen Bier trinken konnten. Es war zwar verboten, aber das war uns völlig egal. Das Wasser war klar, die Sonne schien, die Mädels schwammen und wir tauchten nach Bierflaschen, die wir vorher zum kühlen in den See geworfen haben und spielten ein paar Akkorde und lachten, bis uns die Tränen kamen. Das war ebenfalls perfekt.
Ich glaube, ich geh heute bei einem Kumpel grillen.
Prost.